Carsten Hirth     -     Lichtbildwerke

Presse/Kommentare

 

Gießener Anzeiger vom 27.02.2014

„Aus der Welt“: Fünf Künstler setzen sich mit Krankheit, Isolation und Tod auseinander

Von Heiner Schultz

GIESSEN - Eine ungewöhnliche Ausstellung ist jetzt bei Kultur im Zentrum (KiZ) zu sehen. Fünf Künstler zeigen sehr emotionale Arbeiten in Fotografie, Malerei und Skulptur. Beim Thema „Aus der Welt“ geht es um Abschied von Menschen. Dass hier viele inhaltliche und formale Ansätze denkbar sind, macht diese kontrastreiche Schau deutlich.

Was sieht man, wenn man bewegungsunfähig ans Bett gefesselt ist, wer entscheidet darüber, ob wir selbstbestimmt sterben dürfen, wie verändern psychische Grenzerfahrungen unsere Wahrnehmung? Das sind einige der durchaus existenziellen Fragen, denen sich die Mitwirkenden hier intensiv stellen.

Holger Engel zeigt teilweise großformatige Fotografien unter anderem zum Thema Überleben. Carsten Hirths Fotos sind nur Grundlage für zahlreiche Veränderungen, Verfremdungen und weitere Bearbeitungen, die teilweise malerische Ergebnisse haben. Miriam Klempel hat neben ihren Bildern nur aus Hanf und Wachs kleine Skulpturen geschaffen. Der Marburger Maler Richard Stumm zeigt außer Bildern auch Objekte und kleinere Installationen. Eins seiner Themen ist der selbstbestimmte Tod. Bernd Wießner verarbeitet im Medium Fotografie den Wegfall von Sicherheit und andere dramatische Erfahrungen.

„Diese spannungsreiche Ausstellung handelt von Verletzlichkeit in einem ganz umfassenden Sinne“, sagte Michael Ackermann in seiner sachkundigen und sensiblen Einführung bei der sehr gut besuchten Vernissage.

Dabei hat sich etwa Carsten Hirth bei seiner großformatigen Arbeit „Panik“ zielsicher vom Realismus der fotografischen Ausgangsbasis entfernt, bis nur noch ein malerischer Duktus wahrnehmbar ist. Hochdramatisch, dicht, ungewohnt. Voller Kraft, wie auch sein großes Bild „Alt wie ein Baum möchte ich werden“. Holger Engel zeigt zwar ebenfalls Gegenständlichkeit – etwa Krakauer Stadtszenen, eine glänzende Lederjacke oder ein Ohr. Die Hauptwirkung dieser zum Teil sehr großen Bilder ist jedoch emotional, sie verströmen eine nicht leicht fassbare, aber deutlich zu spürende Wirkung. In der kombinierten Hängung unten nehmen sie den Betrachter glatt gefangen. Überhaupt hat man bei der Inszenierung der Schau großes Geschick bewiesen und die Arbeiten so gehängt, dass sie neben ihrer eigenen auch noch eine gleichsam kombinierte Wirkung entfalten; eindrucksvoll.

Vor allem jedoch attraktiv. So düster sich die Themen anhören und so dunkel manche Werke gehalten sind, dem Betrachter erschließen sich nicht nur erhellende, sondern in der inhaltlichen wie formalen Vielfalt anregende Eindrücke.

Einen entscheidenden Raumakzent setzt Stumms fast monumentale Arbeit „Heiliger Sand“. Für die riesige Frottage auf Nessel, sie hängt von oben übers Geländer, übertrug der Künstler zahlreiche Grabinschriften des jüdischen Friedhofs in Worms gleichen Namens auf seine „Leinwand“, es ist der älteste jüdische Friedhof in Europa. Miriam Klempel dagegen koppelt ihre aus Hanf und Wachs gefertigten elf Köpfe („Häutungen“) mit einer Leiste aus Röntgenbildern dahinter, ein eher hermetisches Arrangement.

Die sehenswerte Schau zeigt mit den zahlreichen Textelementen neben der attraktiven optischen zugleich eine inhaltliche Ebene. Auf der vermitteln sich die individuellen Ansätze von fünf Menschen im Umgang mit ernsten bis tragischen Themen in Form von zahlreichen Denkanstößen. Da wird die närrische Zeit ideal ergänzt.

Noch bis 28. März im KiZ in der Südanlage 3a (Kongresshalle); Öffnungszeiten dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr.

 

Gießener Allgemeine vom 25.02.2014

 

 

BOGART von 03.2014